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"Weihnachtszauber", eine Geschichte von Ludger Pötter

Geschrieben von Ludger Pötter am .

schlittenLeise rieseln die Weihnachtsklänge „Stille Nacht, Heilige Nacht“ durch mein Wohnzimmer. Gespielt von Anne Sophie Mutter auf ihrer berühmten Stradivari Geige, schlüpft die Musik aus dem kleinen schwarzen Bose Lautsprecher und erfüllt den ganzen Raum. Vor dem Fenster tanzen die Schneeflocken und drinnen die Flammen im Kamin. Sie umzüngeln die derben Holzscheite und entlocken ihnen wohltuende Wärme. Ich sitze gemütlich in meinem De Sede Sessel DS - 57. Der Duft des frisch gebrühten Früchtetees lässt meine Nasenflügel frohlocken und das Stück Schwarzwälder Kirsch lacht mich an. Die silbernen Kugeln an meiner Nordmanntanne glänzen im Schein eines LED Lichtermeers.
Da knallt ein Schneeball gegen meine Fensterscheibe. Vor Schreck lasse ich beinahe die Teetasse fallen. Unverzüglich springe ich auf, stelle den Tee zur Seite und stürze zum Fenster. Auf der Straße veranstalten vier Kinder lachend und kreischend eine wilde Schneeballschlacht. Ich spüre die erhöhte Frequenz meines Herzschlags und das Blut durch meine Adern pulsieren.
„Muss das sein?“, sage ich mir erbost. „Dieser Krawall an Weihnachten. Und dann ballern sie noch Schneebälle gegen mein Fenster. Das muss ich mir nicht bieten lassen. Diesen Gören werde ich mal ordentlich die Leviten lesen.“
Ich eile in der Flur, schlüpfe in meine Santoni Schuhe aus echtem Krokodilleder, gleite in meinen Mantel der Marke Hugo Boss, werfe mir den Gucci Schal um den Hals und stapfte hinaus in den knirschenden Schnee.
„Hey ihr Rotznasen“, rufe ich ihnen schon von weitem zu. „Was soll dieser Radau am hochheiligen Weihnachtsfest.“ Das Lachen der Kinder erstirbt. Ängstlich schauen sich Paul, Mia, Greta und Milan zu mir um. Als ich bei ihnen angelangt bin baue ich mich vor ihnen auf. Ich stemme meine Hände in die Hüften und schreie meine gesamte Wut hinaus. „Was soll dieser Krach? Habt ihr nicht mehr alle Tassen im Schrank? Und welcher Hornochse hat denn den Schneeball gegen mein Wohnzimmerfenster geworfen?“
Paul hebt zögernd den Finger und murmelt: „Ich war das.“"
Na klar der Paul“, schnauze ich los. “ Wer den sonst? Du machst mehr Lärm als die Sirene eines Feuerwehrautos.“
„Ist Kinderlachen etwa Lärm?“, fragt da die kleine Greta mit zarter Stimme.
Ich stutze. Ihre Frage wirft mich total aus der Bahn. Krampfhaft versuche ich mich wieder in den Griff zu bekommen.
„Warst du eigentlich nie ein Kind und hast gespielt“, will Greta jetzt wissen.

Das ist zu viel. In meinem Kopf hallen nur noch zwei Wörter wider, Kinder - spielen, Kinder – spielen, Kinder – spielen! Meine Gedanken wirbeln durcheinender, rasen durch enge Gänge, dunkle Tunnel und vom Nebel getränkte Täler zu längst vergessenen Erinnerungen und landen in einer wunderschönen, schneebedeckten, hügeligen Landschaft. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Vier Kinder sausten mit ihren Schlitten den Hang hinab. Herbert und Anneliese auf dem ersten Schlitten, Maria und ich auf dem zweiten.

„Schneller Gustav, schneller. Wir können sie noch überholen“, schrie Maria in mein Ohr. Sie umklammerte in angenehmer Weise meinen Oberkörper. Wir gewannen tatsächlich an Fahrt und holten auf. Als wir kurz davor waren, sie zu überholen, riss Herbert seinen Schlitten herum und fuhr in unsere Bahn.

Wir rammten seinen Schlittern wurden alle vier durch die Luft geschleudert und landeten im weichen Schnee. Ich rappelte mich auf und schrie: „Herbert das wirst du büßen.“ Sofort formte ich den ersten Schneeball und warf ihn auf Herbert. Daraufhin entflammt eine wilde Schneeballschlacht. Nach einer Viertelstunde ließen wir uns erschöpft in den Schnee fallen.

Herbert hielt einen großen Schneeball hoch und schwenkte ihn hin und her. „Das ist unsere Friedensfahne.“

Einträchtig stapften wir durch den tiefen Schnee den Hügel hinab. Dort stand er, unser Iglu. Ja wir hatten einen echten Iglu gebaut, der höher als ein Auto war und uns vieren genügend Platz bot. Anneliese besorgte heißen Kakao und Plätzchen. Maria, Herbert und ich entzündeten die Laternen im Innern unseres Prachtbaus. Kurze Zeit später saßen wir bei Kakao und Plätzchen zusammen, Herbert erzählte Witze und wir lachten und grölten. Bei Anbruch der Dunkelheit verabschiedeten sich Anneliese und Herbert. Maria hockte neben mir auf einer Holzkiste. Die zuckenden Flammen in den Laternen ließen Schatten über die Igluwände huschen. Da schob Maria ganz langsam, ganz zaghaft, ja zärtlich ihre kalte Hand zwischen meine Hände. Plötzlich knallt ein Schneeball gegen meine Stirn und holt mich zurück in die Gegenwart. Während dieser Zeitreise in die Jahre meiner Kindheit haben Paul, Mia, Greta und Milan ihre Schneebälle wieder fliegen lassen.

„Oh, Entschuldigung. Ich wollte eigentlich den Milan treffen“, sagt Mia kleinlaut und sieht mich mit ihren großen Augen erschrocken an, als würde ich mich jeden Moment wie ein feuerspeiender Drache auf sie stürzen.
„Darf ich mitspielen?“, rutscht es im nächsten Moment aus mir heraus.
Die Kinder starren mich an, als wäre ich ein Außerirdischer, ein grüner Mann vom Mars. Ich kann es ja selber kaum begreifen, was ich eben gesagt habe. Es war mir einfach so entflohen aus der Tiefe meiner Seele.
Als Erstes findet Greta ihrer Sprache wieder: „Du bist doch viel zu groß. Du bist schon erwachsen. Und Erwachsene können nicht mehr spielen.“
„Doch“, entgegne ich. „Ich kann noch richtig gut spielen.“
„Du magst keine Kinder“, meldet sich Milan. „Erst schreist du uns an, wir würden nur Krach machen, du bezeichnest uns als Rotznasen und Hornochsen, und jetzt willst du mitspielen. Du bist doch nicht ganz frisch im Kopf.
„Es tut mir leid. Ich habe total überreagiert. Ich mag Kinder und möchte so gerne mitspielen“, bettle ich.
„Du kannst hier nicht mitspielen“, bestimmt Paul. Gehe nach Hause und lasse uns in Ruhe.“ „Ich, ich“, stottere ich, krampfhaft nach Worten suchend. „Ich kann einen Iglu bauen.“
Ungläubig starren mich die vier an. Niemand sagt etwas.
„Ja, ich kann wirklich einen Iglu bauen“, versichere ich.
„So groß, dass wir hineinpassen?“, fragt Mia.
„Ganz aus Schnee, So wie es die Menschen in Grönland haben?“ will Greta wissen.
„Das glaube ich nicht“, Milan schaut mich skeptisch an. „Du erzählst das nur, um mitspielen zu dürfen.“
„Ich kann es euch zeigen. Ich habe schon als Kind einen Iglu gebaut“, verkünde ich mit ein wenig Stolz in der Stimme.“
„Einen echten Iglu zu bauen, das fände ich toll“, sagt Greta.
„Wir können es ja mal ausprobieren“, meint Mia.
„Einen Iglu zu bauen, das gefällt mir“, bestätigt Milan. „Aber mit dem hier?“, er zeigt verächtlich auf mich, „wenn der wieder ausrastet und uns anschreit, ist er schneller zu Hause als er es sich denkt.“
„Ich bin dagegen, dass er mitmacht“, sagt Paul und schaut mich feindselig an. „Aber wenn ihr es möchtet, können wir es mit ihm versuchen.“
Die anderen nicken.

Ich hätte jubeln können, halte mich aber zurück. Wir wählen das freie Grundstück neben dem Spielplatz. Die Kinder rollen dicke Schneebälle, deren Seiten ich mithilfe eines Holzbrettes abschabe, damit Quader entstehen. Gleich großen Steinen beim Mauern einer Wand, werden die Quader aufeinander gestapelt. Mia stopft die Ritzen zwischen den Quadern mit Schnee zu. Unser Bauwerk wird kreisrund. Weitere Kinder mit ihren Schlitten im Schlepptau kommen neugierig näher und schließen sich uns an. Zwei Mädchen aus dem Nachbarhaus haben uns durchs Fenster gesehen und eilen lachend herbei. Mittlerweile sind wir zwölf Kinder, elf kleine und ein großes. Alle rollen Schneebälle, bearbeiten sie, bauen Gerüste, damit die Kuppel nicht einstürzt. Trotz der Kälte glühen unsere Wangen. Nachdem alles steht, werden die Gerüste abgebaut. Der Iglu hält. Voller Stolz betrachten wir unser Bauwerk.
Greta besorgt Plätzchen und Kuchen. Mia bereitet dampfenden Kinderpunsch zu. Rund um den Innenraum des Iglus haben wir Sitzbänke aus Schnee errichtet. Paul schleppt einige Laternen herbei. Plötzlich taucht Milan mit einer Gitarre auf. Wenig später sitzen wir in unserem Iglu. Vor dem Eingang vollführen die Schneeflocken einen wilden Tanz. Der Schein der Kerzen verströmt ein warmes angenehmes Licht. Wir knabbern Plätzchen, lassen uns den Kuchen schmecken und schlürfen den duftenden Kinderpunsch.
Milan stimmt auf seiner Gitarre „Leise rieselt der Schnee“ an und wir singen alle mit.
Als es dunkel wird verabschieden sich die Kinder. Auch ich gehe nach Hause. Paul ruft mir noch nach:
„Hey Gustav, bist du morgen wieder dabei?“
„Mal schauen“, antworte ich.
Mich durchströmt etwas Warmes, etwas, das ich lange nicht mehr gefühlt habe – Weihnachtszauber.
Die Geschichtenmanufaktur „Unikata“ Ludger Pötter

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